Loch acht bei Nacht

Um das fast schon mantraartige Zirpen der Grillen, die majestätische Wirkung der Dunkelheit und den beeindruckenden Sternenhimmel über dem Golfclub Wörthsee zu genießen, haben Lucca und Julius Hofmann mitten in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kaum Zeit. „In der Nacht geht es nur darum, irgendwie durchzuhalten“, sagt Julius, mit 24 Jahren der Jüngere der beiden, während sein drei Jahre älterer Bruder an Loch sieben gerade zum nächsten Putt ansetzt. Double Bogey, passt, und weiter zu Bahn acht. Die beiden Gautinger sind mittendrin in ihrem Weltrekordversuch für den guten Zweck: Wie berichtet, wollen sie 40 Stunden lang am Stück Golf spielen und sammeln damit Spenden für den Verein Brustkrebs Deutschland e.V. – ihre Mutter starb an Brustkrebs, als sie noch Kinder waren.
 

Los geht‘s am frühen Dienstagmorgen um 6 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt haben Julius und Lucca Hofmann auch noch mehr Augen für die Umgebung. „Als die Sonne aufgegangen ist, das war schon stark“, erzählt Lucca knapp 18 Stunden später während der fünften Runde über den Kurs. Sonne ist längst keine mehr da, für Licht müssen die Brüder selbst sorgen: mit Stirnleuchten, einer großen Akku-Tragelampe, LED-Golfbällen und Knicklichtern an den Fahnen der Löcher auf dem gesamten Golfplatz. So zieht der Tross von Bahn zu Bahn.
 

Tagsüber sind stets um die zehn Personen mit dabei, um die beiden Gautinger mental zu unterstützen. Um Mitternacht hat sich die kleine Gruppe auf das Mindestmaß reduziert: Neben Lucca und Julius Hofmann sind noch zwei Freunde da. Denn zwei Zeugen – nicht aus der Familie – müssen dem Rekordversuch laut Statuten durchgehend beiwohnen, damit er am Ende anerkannt wird. Alle vier Stunden müssen diese ausgetauscht werden. Zudem muss 40 Stunden lang durchgefilmt werden, mit zwei Kameras, um bei einem Akkuwechsel keine Lücke zu erhalten. Und die wohl härteste Regel: Die Runden müssen durchgehend zu Fuß absolviert werden, nur die Begleiter dürfen im Golfcart fahren. Nach knapp der Hälfte der Zeit haben die Brüder bereits an die 50 Kilometer zu Fuß zurückgelegt.
 

Angekommen an Bahn acht, jetzt muss es schnell gehen. Denn vom Zeitpunkt des letzten erfolgreichen Putts bis zum Abschlag auf der nächsten Bahn dürfen maximal drei Minuten vergehen. Noch so eine offizielle Vorgabe. Julius Hofmann platziert seinen pinken LED-Ball auf dem Tee, für einen Probeschwung bleibt diesmal sicherheitshalber keine Zeit. Den Ball trifft er trotzdem gut, man merkt die vier Jahre Golf-Erfahrung. Wenngleich der 24-Jährige betont: „Jetzt, in der Nacht, haben wir keine sportlichen Ambitionen. Da geht es vor allem auch darum, dass wir nicht zu viele Bälle verschlagen.“ Das klappt bislang sehr gut, die Konzentration ist noch da, obwohl Julius zugibt: „Mein Kopf ist so durch.“
 

Die Beine sind es sowieso. Trotz mehrerer Hundert Schwünge zu diesem Zeitpunkt machen Schultern und Arme den beiden noch keine Probleme. Die Füße tun es. Und bei einem Abschlag steht Julius Hofmann kurz vor einem Oberschenkelkrampf. Schnell bringen die Helfer ihm Magnesium, dazu noch eine Trinkmahlzeit aus der Flasche mit 500 Kalorien. Schon muss es weiter gehen. 15 000 bis 18 000 Kalorien verbrennen die beiden Würmtaler während ihres Weltrekordversuchs, schätzt der jüngere Bruder. Und die müssen erst mal zugeführt werden.

Zwischen den Runden, die jeweils maximal viereinhalb Stunden dauern dürfen, bleibt keine Zeit zum Essen. Schließlich sind dazwischen nur 15 bis 20 Minuten Pause erlaubt – wieder so eine offizielle Regel. Und da heißt es: Golfcart wechseln, Socken tauschen, Wasserflaschen auffüllen und das Essen mit auf die Runde nehmen. Für die Verpflegung sorgt das Restaurant im Golfclub, in dem die beiden Brüder Mitglied sind. „Ohne die Unterstützung aus dem Club und vor allem von Geschäftsführer Sven Hilgenberg hätte das niemals geklappt“, sagt Julius Hofmann auf dem Weg zu seinem nächsten Schlag.
 

Man hört die Schritte, das Gras ist nass vom Tau. Später, gegen 4 Uhr in der Nacht, regnet es dann noch. Die Devise der Brüder: Regenschirm, Regenjacke und durchziehen. „Wenn wir die Nacht schaffen, dann schaffen wir es auch ganz“, sagt Lucca Hofmann. Und das tun sie. Am Tag stoßen wieder mehr Unterstützer dazu. Ohne die würde es nicht gehen, weder technisch, mit den ganzen Auflagen für den Guinness-Weltrekord, noch vom Kopf her, stellen die Brüder klar. Freunde wie Nico Köferl, der in drei der zehn Vier-Stunden-Schichten dabei ist, sorgen für die dringend nötige Motivation und Erheiterung.
 

Ihr Online-Spendenziel von 7500 Euro erreichen die Gautinger nach gut 30 Stunden am Mittwochmittag. Und es ist Punkt 18 Uhr am Abend, als Lucca und Julius Hofmann dann auch ihr nächstes Häkchen setzen können, den Weltrekord von 36 Stunden zunächst einstellen und dann knacken.
 

Nun aufzuhören, ist freilich keine Option. „Dafür sind wir nicht hergekommen“, sagt Julius und kann immer noch lachen. Also golfen sie auch nach Redaktionsschluss weiter – geplant bis 22 Uhr. Bis sie sich nach 40 Stunden endlich richtig ausruhen können.



Quellenangabe: Starnberger Merkur vom 28.08.2025, Seite 29
 

Ihre gute Laune hatten die Brüder Julius (l.) und Lucca Hofmann auch mitten in der Nacht nicht verloren. ©mg